Der Präsident des Patentjäger-Verbands sagt, der Wolf erschwere die Jagd. Richtig ist auch: In Wolfsregionen berücksichtigt der Kanton den Wolfsabgang bereits in der Abschussplanung.
Zum Start der Bündner Hochjagd sagte Benjamin Hefti, Präsident des Bündner Kantonalen Patentjäger-Verbands, gegenüber der «Südostschweiz»: «Der Wolf hat durchaus einen Einfluss auf den Jagderfolg. Der Wolf jagt mit.«
Das ist nicht falsch. Wolfspräsenz verändert das Verhalten von Rotwild, erhöht lokal die Fluchtdistanz und kann die Hobby-Jagd unberechenbarer machen.
Unvollständig ist Heftis Aussage trotzdem. Die kantonale Jagdplanung zeigt die andere Seite: Wo stabile Wolfsrudel präsent sind, berücksichtigt der Kanton den Wolfsabgang in der Abschussplanung und passt die angenommene Nachwuchsrate regional nach unten an, um gerissene und nicht aufgefundene Kälber einzurechnen. Wächst weniger nach, muss auch weniger jagdlich entnommen werden. Der Wolf ist damit nicht bloss Jagdkonkurrenz, sondern ein Faktor, der der Verwaltung in einzelnen Regionen zusätzliche Abschüsse ersparen kann.
Was der Wolf mit der Jagd macht, ist nicht eindeutig negativ
Hefti hat recht, wenn er auf die veränderte Jagdsituation hinweist. Nach Darstellung des Amts für Jagd und Fischerei (AJF) reagiert Rotwild auf Wolfspräsenz mit stärkerer Bewegung, kleineren Gruppen, höherer Aufmerksamkeit und grösserer Fluchtdistanz. Bisher gut vorhersehbare Jagdgebiete können dadurch schwieriger bejagbar werden. Gleichzeitig gelingen Abschüsse plötzlich dort, wo früher kaum Jagderfolg möglich war.
Der Satz «Der Wolf jagt mit» beschreibt diese veränderte Ausgangslage bildhaft zutreffend. Als angebliche Fehlbehauptung wäre er nicht anzugreifen, und das ist auch nicht der Punkt. Der entscheidende Zusatz stammt vom AJF selbst: Der Wolf verunmöglicht die Jagd nicht; laut Amt kann er den Jagderfolg regional sogar begünstigen. Nicht der Wolf «nimmt den Jägern das Wild weg». Er verändert die Bedingungen: Teils erschwert er einzelne Jagdsituationen, teils trägt er zur Zielerreichung bei. Dass die Rückkehr der Beutegreifer die Wildverteilung und den Störungsdruck verschiebt, hat das AJF auch andernorts eingeräumt, wie der Beitrag «Graubünden: Jagdamt beklagt Störung des Wilds» zeigt.
Am Calanda verringert der Wolf den Bedarf an Sonderjagd
Das Calanda-Rudel zeigt, weshalb Heftis Konkurrenz-Erzählung zu kurz greift. In Wolfsregionen verändert sich nicht nur das Verhalten des Rotwilds, auch die behördliche Planung reagiert auf die Prädation. Wo stabile Rudel leben, liegt die Zuwachsrate der Hirsche tiefer. Wächst weniger nach, müssen zur Regulierung der Bestände auch weniger Tiere entnommen werden. Der Kanton passt seine Abschusspläne deshalb in Regionen mit stabilen Rudeln an die Wolfspräsenz an.
Am Calanda-Massiv bei Chur, wo sich 2011 das erste Wolfsrudel der Schweiz bildete, wurde diese Wirkung besonders sichtbar. «Wölfe helfen, die Hirschpopulation zu regulieren»: In den beiden dortigen Jagdregionen kann die Hirschpopulation weitestgehend bereits mit der Hochjagd im September reguliert werden. Auf die umstrittene Sonderjagd im November und Dezember kann jeweils verzichtet werden, oder es sind nur wenige Abschüsse nötig. Der Wolf «jagt» also tatsächlich mit, aber nicht nur gegen die Jagd. Seine Prädation verringert einen Teil jenes Regulierungsbedarfs, der sonst mit zusätzlichen Abschüssen gedeckt werden müsste, wie sie regelmässig auf der Sonderjagd erfolgen.
Entscheidend ist dabei nicht die Behauptung, der Wolf mache jede Jagd überflüssig. Er ersetzt weder die Hochjagd noch reguliert er die Bestände im Alleingang, und genau das bestreitet auch Hefti zu Recht. Entscheidend ist: Er kann den Bedarf an der besonders umstrittenen Sonderjagd im Spätherbst und Winter deutlich senken. Das ist die Hälfte der Rechnung, die in einer Klage über den Jagderfolg gern fehlt.
Was die Zahlen des AJF wirklich zeigen
Ein Blick in die Mortalitätsstatistik ordnet die Rolle des Wolfs nüchtern ein. Von der ersten neuen Rudelbildung bis 2024 registrierte das AJF 1’533 aufgefundene Wolfsrisse. Im selben Zeitraum wurden insgesamt rund 14’400 Fallwildtiere entdeckt, davon 3’650 Verkehrsopfer und etwa 4’500 Tiere, die an Alter, Krankheit oder Schwäche starben. Der Wolf ist damit ein sichtbarer und zunehmend wichtiger Faktor innerhalb der registrierten Mortalität, aber nicht die einzige und nicht automatisch die dominante Todesursache. Hinzu kommt eine Dunkelziffer nicht aufgefundener Kadaver, die für die gesamte Statistik gilt, nicht nur für Wolfsrisse.
Wer sich das Fallwild beim Rothirsch über die Jahrzehnte ansieht, erkennt die Grössenverhältnisse. Die vom Bund geführte eidgenössische Jagdstatistik zeigt für Graubünden, dass Fallwild seit Jahrzehnten viele Ursachen hat. Alter, Krankheit und Schwäche sowie Verkehrsopfer prägen die Mortalität seit langem; die Kategorie «Beute grosser Beutegreifer» ist erst mit der Rückkehr von Wolf und Luchs relevant geworden. In der langjährigen Mortalitätsstatistik ist der Wolf damit ein vergleichsweise neuer, aber zunehmend relevanter Faktor, nicht die vollständige Erklärung für die Entwicklung der Rotwildbestände.
Aufschlussreich ist die Selektivität. Nach Darstellung des AJF zeigen die seit 2020 ausgewerteten Wolfsrisse einen hohen Anteil an Kälbern; zudem werden häufig schwache Tiere und weibliche Hirsche registriert. Von den 1’142 Wolfsrissen, bei denen seit 2020 das Alter bestimmt werden konnte, waren 55 Prozent Kälber. Der Wolf reisst damit überproportional häufig Jungtiere und beeinflusst so den jährlichen Zuwachs, genau jene Grösse, die für die Abschussplanung des Folgejahres massgeblich ist. Damit werden übrigens auch mehr Hirschkühe jagdbar, weil sie kein Kalb mehr säugen.
Der kantonsweite Nullbefund ist öffentlich nicht überprüfbar
Hefti könnte an dieser Stelle auf eine vom AJF in Auftrag gegebene Masterarbeit der Universität für Bodenkultur Wien verweisen, wonach sich über den gesamten Kanton kein direkter statistischer Einfluss des Wolfs auf die Jagdstrecke nachweisen lasse. Genau diesen kantonsweiten Nullbefund führt der «Südostschweiz»-Artikel als Beleg dafür an, dass der Wolf die Jagd unterm Strich kaum beeinträchtige.
Nur: Eine öffentlich zugängliche Fassung dieser Arbeit mit vollständiger Methodik, Datengrundlage und Ergebnissen ist nicht auffindbar. Die Universität für Bodenkultur Wien führt das Vorhaben «Einfluss von Wölfen auf die Rotwildstrecke im Kanton Graubünden» bis heute unter ihren laufenden Master- und Dissertationsarbeiten, betreut von Prof. Klaus Hackländer; in der Liste der abgeschlossenen Arbeiten des Instituts erscheint es nicht. Bereits 2023 hatte das AJF angekündigt, den Wolfseinfluss auf die Hirschstrecke im Folgejahr durch eine BOKU-Masterarbeit untersuchen zu lassen.
Der von der Zeitung referierte kantonsweite Befund kann deshalb nicht im Detail überprüft werden. Wer ihn zitiert, sollte offenlegen, auf welcher Datengrundlage, für welchen Zeitraum und mit welcher räumlichen Auflösung er zustande kam. Ohne diese Angaben bleibt unklar, was «kein direkter statistischer Einfluss» genau misst und was nicht.
Und selbst wenn der Befund Bestand hätte: Er widerlegt die lokalen Wirkungen nicht. Der Zeitungsartikel selbst beschreibt zugleich regionale und indirekte Wolfswirkungen, veränderte Wildverteilung, höhere Fluchtdistanzen und lokal unterschiedliche Folgen für die Bejagung. Diese Beobachtungen lassen sich nicht mit einer einzigen kantonsweiten Kennzahl abschliessend einordnen. Nach Darstellung der «Südostschweiz» spielen ausserdem klimatische Bedingungen und menschliche Eingriffe, ausdrücklich auch die Jagd, für die Hirschzahlen eine grössere Rolle als der bisher messbare direkte Wolfseinfluss. Auch das spricht gegen jede Erklärung, die den Wolf allein ins Zentrum stellt.
«Keine wolfsfeindliche Position»? Die Verbandslinie sagt etwas anderes
Hefti geht im Interview noch weiter. Dass es Jagende gebe, die wegen der Wolfskonkurrenz kein Patent mehr lösten, könne er nicht bestätigen, er habe von keinem solchen Fall Kenntnis. Und die Bündner Jägerschaft vertrete, wie auch der kantonale Verband, keine wolfsfeindliche Position.
Beide Aussagen sind bei näherem Hinsehen schwächer, als sie klingen. Dass Hefti keinen Fall eines wolfsbedingten Patentverzichts kennt, belegt nur eines: dass er keinen kennt. Aus fehlender Kenntnis lässt sich weder das eine noch das andere ableiten, das Argument ist zirkulär und trägt nichts zur Sache bei.
Gewichtiger ist die zweite Aussage. Hefti sagt, der Bündner Kantonale Patentjäger-Verband vertrete keine wolfsfeindliche Position. Diese Selbstbeschreibung steht in Spannung zu den wiederholten Forderungen des Verbands nach weitgehenden Wolfsabschüssen, wie sie der Beitrag «Bündner Patentjäger: Tarzisius Caviezel geht, Wolf-Kurs bleibt» nachzeichnet. Die Frage ist dabei nicht, ob einzelne Mitglieder den Wolf persönlich ablehnen. Entscheidend ist die politische Linie: Wer sich für eine möglichst weitgehende Dezimierung von Rudeln einsetzt und natürliche Prädation als Störung der Hobby-Jagd darstellt, kann schwerlich glaubhaft für sich beanspruchen, dem Wolf neutral gegenüberzustehen. Der Verband ist daran zu messen, welche Regulierungsmassnahmen er konkret fordert, mit welcher Begründung und in welchem Umfang, nicht an der Selbstdarstellung.
Der Luchs
Der Wolf ist nicht der einzige Beutegreifer in Graubünden. Beim Reh und bei der Gämse spielt auch der Luchs eine wichtige Rolle. Für die hier diskutierte Frage der Hirschregulierung und der Abschussplanung ist jedoch der Wolf der entscheidende Faktor, weil die kantonalen Daten und Pläne seine Wirkung ausdrücklich berücksichtigen.
Der Denkfehler: «Der Wolf allein genügt nicht» heisst nicht «also braucht es Hobby-Jäger»
An einer Stelle hat Hefti sogar ausdrücklich recht, und trotzdem zieht er den falschen Schluss. Es bewahrheitete sich nicht, dass es keine Hobby-Jägerinnen und -Jäger mehr brauche, sagt er. Der Wolf allein genüge für die Regulierung der Bestände nicht. Der erste Halbsatz ist korrekt und wird auch hier nicht bestritten: Der Wolf reguliert nicht im Alleingang.
Der Fehler steckt im stillschweigenden zweiten Schritt. Aus «der Wolf allein genügt nicht» folgt bei Hefti wie von selbst «also braucht es die Hobby-Jägerschaft». Das ist eine falsche Alternative. Dass der Wolf allein die Hobby-Jagd nicht ersetzt, bedeutet nicht, dass Freizeitjagd die einzige Option ist. Wo behördliche Regulierung nötig bleibt, stellt sich die politische Frage, ob sie durch Tausende Patentjägerinnen und Patentjäger erfolgen soll oder gezielt durch professionell ausgebildete Wildhüterinnen und Wildhüter. Genau diese dritte Option, wie sie der Kanton Genf seit 1974 kennt, lässt Hefti weg. Die Argumente dafür bündelt das Argumentarium für Wildhüter auf wildbeimwild.com.
Diese Grundsatzfrage ist von der eigentlichen Wolfswirkung zu trennen. Aber sie zeigt, wie verkürzt Heftis Schluss ist: Zwischen «nur der Wolf» und «Tausende Hobby-Jäger» liegt ein ganzes, andernorts längst erprobtes Modell.
Was in einer ehrlichen Debatte an erster Stelle stünde
Benjamin Hefti beschreibt mit dem Satz «Der Wolf jagt mit» eine reale Erfahrung: Rotwild reagiert auf Wolfspräsenz, wird vorsichtiger und ist lokal schwieriger zu bejagen. Doch wer daraus eine Klage über den Jagderfolg macht, darf die andere Hälfte der Rechnung nicht unterschlagen.
Weniger Zuwachs durch Wolfspräsenz bedeutet weniger nötige Abschüsse. Der Kanton berücksichtigt den Wolfsabgang bereits in der Abschussplanung und passt die angenommene Nachwuchsrate regional nach unten an, um gerissene und nicht aufgefundene Kälber einzurechnen. Der Wolf ist deshalb weder der Grund, weshalb die Jagd überflüssig würde, noch bloss der Konkurrent, als den ihn Jagdverbände gern darstellen. Er ist ein natürlicher Regulierungsfaktor, und am Calanda verringert seine Prädation den Bedarf an jener Sonderjagd, die sonst nach der Hochjagd nötig wird.
Dass der Wolf allein nicht genügt, beantwortet noch nicht die politische Frage, wer allfällige weitere Eingriffe vornehmen soll. Eine ehrliche Debatte muss deshalb zweierlei leisten: natürliche Prädation, Jagd und menschliche Störung sauber auseinanderhalten, und offenlegen, weshalb die verbleibende Regulierung zwingend einer bewaffneten Freizeitlobby und nicht einer professionellen Wildhut übertragen werden soll. Genau das müsste an erster Stelle stehen.
Dass ausgerechnet der oberste Repräsentant der Bündner Hobby-Jägerschaft diese Seite der Rechnung auslässt, überrascht angesichts der abschussfreundlichen Verbandslinie wenig. Wer mehr zum System der Hochjagd und ihren ökologischen Folgen wissen will, findet die Einordnung im Dossier «Hochjagd Schweiz».